ANDREA AUINGER macht sich als Psychotherapeutin und Coach Gedanken über einen Wandel, der nicht durch neue Antworten, sondern das Aushalten von Fragen beginnt.
Wie Veränderung im Wesentlichen zwischen Aufbruch und Wiederholung geschieht. Und warum das neue Ich oft alte Wege geht.
Veränderung klingt nach Aufbruch, nach: „Jetzt wird alles anders!“ Nach einem neuen Weg, einem neuen Ich. Doch wer Wandel und Veränderung wirklich erlebt, der weiß: Es fühlt sich selten wie ein Aufbruch an. Viel öfter ist es ein oft auch schmerzhafter Übergang.
Zwischen dem Alten, das nicht mehr trägt und dem Neuen, das noch keinen Halt gibt, liegt eine Phase der Unsicherheit. Eine Zwischenzeit, die wir oft möglichst schnell hinter uns bringen wollen. Wir planen, optimieren, entscheiden – und merken später irritiert: Obwohl sich vieles verändert hat, fühlt sich manches erschreckend vertraut an. Neues Umfeld, neue Rolle, neue Beziehung – und doch die alten Konflikte. Neues Ich, alte Muster.
Zweifel und Unsicherheit
Diese Zwischenzeiten sind unbequem. Sie sind chaotisch, unübersichtlich, voller Zweifel. Es ist, als würde man eine alte Haut abstreifen, ohne zu wissen, ob darunter schon eine neue gewachsen ist. Und genau deshalb versuchen wir, solche Zeiten zu vermeiden:
Wir eilen zum nächsten Ziel, planen das nächste Projekt, reden uns ein, wir hätten schon verstanden, wohin die Reise geht. Doch: Ist das so?
Solche Phasen erleben wir nach Trennungen, in beruflichen Krisen, nach einem Verlust, aber auch nach Erfolgen. Wenn das Erreichte da ist, die Anspannung wegfällt, wirkt plötzlich alles leer. Doch das Wesentliche einer Veränderung geschieht selten in Momenten der Klarheit – sondern in den Phasen des Nichtwissens. Dort, wo wir lernen, Unsicherheit auszuhalten. Wo wir Stille nicht mehr für Stillstand halten.
Schwellenräume
In meiner Arbeit als Psychotherapeutin, Coach und Begleiterin in Prozessen begegne ich diesem Phänomen häufig. Menschen kommen mit dem Gefühl, etwas Wesentliches verändern zu wollen und stellen dann fest, dass sie sich innerlich im Kreis bewegen. Psychologisch ist das kein Widerspruch, sondern eine Art Gesetzmäßigkeit: Veränderung ohne diese Zwischenzeit bleibt oft nur an der Oberfläche, ist keine echte.
In der Psychologie nennt man diese Übergänge liminale Phasen – Schwellenräume, in denen sich die Identität neu formt. Diese Phasen sind unordentlich, fragil und schwer auszuhalten. Genau deshalb versuchen wir auch gerne, sie zu überspringen, für nicht wichtig zu halten. Wir wollen schnell wieder „jemand“ sein. Aber genau dieser Schwellenraum ist eine Phase der „fruchtbaren Verwirrung“. Wer die Leere nicht aushält, füllt sie meist mit Bekanntem und Altem aus. Wirkliche Veränderung wird dadurch leider unmöglich. So entstehen nur neue Lebensentwürfe auf alten inneren Landkarten.
Altes auflösen
Veränderung scheitert dann nicht am fehlenden Willen, sondern an fehlender Pause. Denn Muster lösen sich nicht durch neue Entscheidungen allein, sondern durch bewusste Unterbrechung und Innehalten. Erst wenn das Bekannte oder das Alte wirklich zu Ende gehen darf, verliert es seine Macht.
Die Zwischenzeit ist dabei kein Fehler im System, sondern dessen Herzstück. Sie zwingt uns, nicht sofort zu handeln. Nicht sofort alles zu wissen. Nicht sofort zu definieren, wer wir sind.
Das fühlt sich für viele bedrohlich an. In einer Kultur, die Geschwindigkeit und Selbstoptimierung belohnt, gilt Innehalten schnell als Stillstand. Doch psychisch ist das Gegenteil der Fall: Ohne Stillstand keine Neuorientierung. Ohne Leere keine echte Wahl. Ohne Selbstreflexion kein Weiterkommen.
Veränderung entsteht nicht durch Tempo, sondern durch Klarheit darüber, wer wir als Menschen und als Organisationen im Kern sind – und was nicht mehr dazu gehört. Zwischen dem Ende des Alten und dem Beginn des Neuen liegt eine Phase ohne Sicherheiten. Keine schnellen Antworten. Kein fertiges Zielbild. Oder wie Ovid es einst formulierte: „Was ohne Ruhepausen geschieht, ist nicht von Dauer.“
Auch Leadership heißt, diese Zwischenzeit zu halten. Orientierung zu geben, ohne vorschnell Leere zu füllen. Raum zu lassen, ohne die Verantwortung abzugeben. Dafür braucht es Mut. Mut zur Zwischenzeit. Mut zum Neuen, zum Unbekannten.


